Faszination

Einmal ein Kobbo, immer ein Kobbo

Von Johann Schicklinski

Es gibt sie quer durch Deutschland, in zahllosen Ligen – Vereine, bei denen man sich sofort fragt: Wieso heißen die so? Woher kommt der Name? FUSSBALL.DE stellt Klubs mit interessanten, kuriosen, ausgefallenen Namen vor. Heute, Teil 31: TuS Graf Kobbo Tecklenburg, erste Mannschaft: Kreisliga B Tecklenburg.

Ungewöhnliche Vereinsnamen sind oft bei recht jungen Vereinen zu finden. Nicht so beim TuS Graf Kobbo Tecklenburg, der dieses Jahr bereits sein 110-jähriges Bestehen feiern wird. Am 19. Juni 1902 erblickte der Klub das Licht der Fußball-Welt, gegründet von dem Lehrer Heinrich Terbrüggen. Der ungewöhnliche Name geht zurück auf den Hotelier Oscar Engels, in dessen Luftkur-Hotel „Burggraf“ die Gründungsversammlung stattfand. Er schlug vor, den Turn-Verein nach einem Grafen namens „Cobbo“ zu benennen, der im 17. Jahrhundert in der Grafschaft Tecklenburg lebte. „Graf Kobbo hat sich zu Lebzeiten immer für den Sport eingesetzt. Unter anderem hat er einmal auf dem Marktplatz einen Handstand auf einem Pferd gemacht. Das hat offenbar Eindruck hinterlassen“, sagt Hanno Knippenberg, der heute für den Verein seine Fußball-Stiefel schnürt. Darüber hinaus fungiert er als Spartenleiter Fußball, kann aber auch nur vermuten, warum aus dem historisch verbürgten „Cobbo“ bei der Gründungsversammlung ein „Kobbo“ wurde: „Wahrscheinlich ist das im Laufe der Zeit einer gewissen Sprachentwicklung geschuldet, die vom lateinischen C wegging.“

Gründung mit Hindernissen

Die Gründung des jungen Vereins gestaltete sich allerdings nicht ohne Schwierigkeiten. „Als der Vereinsname im Jahr 1902 eingetragen werden sollte, weigerte sich der zuständige Verband diesen als Namen zu akzeptieren. Man war wohl der Meinung, dass ‚Graf Kobbo‘ kein Vereinsname sein könne“, berichtet Knippenberg. „Erst nach einiger Korrespondenz konnte sich der Verein durchsetzen und der Name wurde wie gewünscht eingetragen“, sagt der 32-jährige Jurist.

Im Anschluss wuchs der junge Verein rasch. Zunächst ist Turnen die Hauptsportart, bald schon kommt Faustball hinzu. „Wir waren sogar 1955 mit unserer Jugendmannschaft deutscher Meister im Faustball“ berichtet Knippenberg. In den Jahren nach dem 2. Weltkrieg wird dann der Fußball beim TuS Graf Kobbo populär. „Fußball ist längst unsere Hauptsportart und die einzige Sparte, in der wir aktiv um Punkte kämpfen“, bestätigt Knippenberg.

Faszination fürs Leben

Im Kampf um die Punkte in der Kreisliga B im Kreis Tecklenburg bauen die „Kobbos“ auf ein eingespieltes Team, selbst wenn die Mannschaftsmitglieder über ganz Deutschland verteilt sind. „Die Kameradschaft ist super, deshalb haben wir bei uns das Phänomen, das Spieler, die einmal da waren, immer wiederkommen“, sagt Knippenberg. Dafür werden auch gerne Einschränkungen in Kauf genommen: „Wir haben viele Jungs, die nur am Wochenende da sind, aber nicht trainieren. Die Leute kommen von weit her, obwohl wir nichts bezahlen. Das sind oft Spieler, die woanders studieren oder arbeiten und dann am Wochenende hier sind. Teilweise haben Leute noch einen Spielerpass bei uns und laufen gelegentlich auf, obwohl sie im Ausland leben.“ Ein Phänomen, das auch für Knippenberg schwer zu erklären ist: „Eigentlich haben wir nicht viel zu bieten. Wir haben Schwierigkeiten, neues Personal zu rekrutieren und haben die schlechteste Anlage weit und breit. Aber irgendwie kommt man vom Spaß und der Geselligkeit beim TuS nicht los.“ Er gibt zu, dass auch Graf Kobbo hierbei eine nicht ganz unwichtige Rolle spielen könnte: „Neben der Kameradschaft ist sicherlich auch der ungewöhnliche Vereinsname reizvoll für Spieler, sich hier zu engagieren.“

Weite Anfahrt für Bochumer Studenten

Knippenberg nennt ein Beispiel für die Faszination des Klubs. „Wir hatten einen Studenten im Team, der in Bochum studiert hat. Das liegt jetzt nicht gerade um die Ecke“, erzählt Knippenberg. „Der hat dort unter seinen Kommilitonen fleißig Werbung gemacht und auf einmal hatten wir mehrere Spieler, die in Bochum studierten, aber bei uns die Stiefel schnürten.“ Die angehenden Akademiker verstärkten dann vornehmlich die zweite Mannschaft, die in der Kreisliga C 3 im Kreis Tecklenburg um Punkte kämpft.

Die Studenten passten bei den „Kobbos“ auf jeden Fall gut rein. „Wir haben einige kreative Köpfe, sitzen oft beim Bier zusammen und haben witzige Ideen“, erzählt Knippenberg und nennt ein Beispiel: „Daniel Wolters, der bei uns in der ersten Mannschaft spielt, kümmert sich um unsere Facebook-Präsenz. Diese wird regelmäßig aktualisiert, es gibt dort Spielberichte, Bilder und Videos zu sehen.“

Mehr Fans als 1899 Hoffenheim?

Beim Bier entstand auch eine Idee, die nicht ganz bierernst zu nehmen ist. „Unser Facebook-Profil wird ja regelmäßig aktualisiert und es gibt auch schon einige Follower. Wir haben uns deshalb ein witziges Ziel vorgenommen: Mehr „likes“ als die TSG 1899 Hoffenheim.“ Der Bundesligist steht im Moment bei etwas mehr als 51.000 Fans, während der TuS mit rund 100 Fans noch Aufholbedarf hat. Doch die pfiffigen Jungs in seiner Mannschaft werden sich auf alle Fälle Mühe geben, den Rückstand zu verringern, ist sich Knippenberg sicher: „Da passiert jede Menge, da ist richtig was los.“

Er selbst arbeitet mittlerweile in der Familienkanzlei als Rechtsanwalt, doch trotz des stressigen Jobs kommt er vom TuS Kobbo nicht los: „Seit ich voll berufstätig bin, schaffe ich es nicht mehr so oft zum Training. Eigentlich bin ich mittlerweile Spieler der Alten Herren, helfe aber ab und an gerne aus.“ Für ihn eine Selbstverständlichkeit, genauso wie sein ehrenamtliches Engagement als Spartenleiter: „Der Verein hat mir viel gegeben, deshalb will ich etwas zurückgeben.“ Die Faszination, ein „Kobbo“ zu sein, scheint auch im 110. Jahr noch groß zu sein.

Dieser Artikel erschien zuerst am 03.05.2012 auf Fussball.de.

Schreibe einen Kommentar